Borkener Segler auf Regatten am ...   Optiregatta 2012
Borkener Segler auf Regatten am Steinhuder Meer und an der Krombachtalsperre
 
Mitte April startete die Borkene...
 
 
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SKS-Törn 2010

Bericht

Navigo, ergo sum. - Oder: Ich stinke, also bin ich. SKS-Ausbildungstörn 2010

26. März 2010, 14:30 Uhr LT Borken (D). Drei Skipper und acht Crewmitglieder starten zum SKS-Ausbildungstörn 2010 des Borkener Segelclubs e.V. 17:30 Uhr LT Ankunft Stavoren (NL).



52° 52' 31,71 N - 005° 21' 49,89 E, Stavoren.

Am 26. März 2010 erreichen wir gegen Abend Stavoren, löschen die Ladung des Pkw-Anhängers und beladen unsere neue temporäre Heimat, die Kalliste und die Lucky Spirit. Die Crews teilen sich auf und Skipper Peter bezieht mit seiner Crew Lukas, Christopher, Ulrich und Guido die Lucky Spirit, während sich Skipper Harald und Skipper Thomas mit Crew Karsten, Berthold, Frank und mir (Susanne) auf der Kalliste häuslich einrichten. "Dies ist für die nächste Woche unser Zuhause." stellt Harald mit einem warmen Ton des Willkommens fest, während die Crew-Mitglieder - allesamt törn-unerfahren - noch sehr sekptisch überlegen, wohin mit all dem Proviant, wohin mit all den privaten Sachen, die noch in Reisetaschen stecken, und vor allem wohin mit uns?
 


Erwartungsfroh und durchaus guter Dinge stehen wir vor unserem neuen temporären Zuhause.


Und ebenso staunend stehen wir vor dem Proviant, den Harald zum Trocknen aufhängt.
 



Stavoren zeigt sich von seiner besten Seite und ein beeindruckender Sonnenuntergang heißt uns willkommen. Wir sind gespannt, was die nächste Woche so bringen mag. Ich sitze am Steg und Chris Rea säuselt mir über meinen MP3-Player etwas von "Looking for the summer..." ins Ohr.
 


Den Kurs "Gaumensegel hart am Wind" beherrschen alle an Bord selbst und besonders im Hafen gut. Die Nacht war kurz und schlaflos, der Platz war gering, die Kojen eng. Am Morgen des 27. März 2010 ist niemand so recht ausgeschlafen. Und es regen sich Zweifel, ob man diese Enge, die Kälte (ca. 9°C während der Nacht, was meinte Chris Rea gestern noch mit "Looking for the summer"?) und die Tropfen, die morgens von der Decke der Kajüte ins Gesicht tropfen wirklich eine Woche lang aushalten kann und will.

Ein soziologisches Experiment beginnt.

Frank hat während der Nacht kein Auge zugetan. Ihm ist bewußt, dass er auch während der folgenden Nächte kaum in den Schlaf kommen würde. Um der Gefahr, unausgeschlafen über Bord zu gehen vorzubeugen, entscheidet er sich, den Heimweg anzutreten. Gern wäre er mit uns gesegelt - gern wären wir mit ihm gesegelt, aber schlaflos wäre es für keinen von uns eine Freude geworden.


Nach einem guten Frühstück und bei einem Blick auf herrliches Wetter sieht die Welt schon ganz anders aus. Die Nacht ist schnell vergessen und wir freuen uns auf einen schönen Tag auf dem Wasser. Nach einer umfassenden Sicherheitsunterweisung und ausgiebigem Kennenlernen der Kalliste sowie der neuralgischen Punkte für blaue Flecken, geht es raus aufs Ijsselmeer. "Look deep inside the April face. - A change is clearly taking place - Looking for the summer..."
 



Nach einem langen, schönen und doch anstrengenden Tag auf dem Wasser machen wir am Abend des 27.03.2010 wieder in Stavoren fest. Harald kocht ein heel smakelijk Abendessen und ein Glas Rotwein verschafft uns die notwendige Bettschwere, trotz der Erfahrung der letzten Nacht, den Schlaf auf ein Neues zu versuchen. Die nächste Nacht ist wieder kalt, die Kajüte weiterhin eng und feucht, und jedes Umdrehen beschert eine Beule oder einen blauen Flecken mehr. Doch ausreichend erschöpft von der frischen Luft des Tages schlafen alle gut. "The eyes take on a certain gaze - And leave behind the springtime days - Go looking for the summer..."


Am Sonntag, dem 28. März 2010 - wir rechnen inzwischen in UTC+2 - nimmt die Kalliste Kurs auf Den Oever. Ausschleusen in die Waddenzee, nächster Zielhafen Oudeschild 53° 02' 43,78 N, 004° 51' 30,4 E.



Am Morgen des 29. März 2010 ist es die Weigerung der Crew, die den Kurs bestimmt. Die Strömung hätte es uns zwar ermöglicht, über Kornwerderzand wieder ins Ijsselmeer zu gelangen, allerdings hätten wir dann um 0600 LT auslaufen müssen. Das will niemand, und so geht es raus auf die Nordsee, Kurs auf Ijmuiden 52° 27' 30.08 N, 004° 33' 46,04 E.
 
Robben, Seehunde und Tümmler zwischen Bojen und Tonnen, Peilungen und Kursänderungen.

This ain't no game of kiss and tell - The implications how you knew so well - Go looking for the summer...

 


30. März 2010. Industriehafen Ijmuiden. Ordentlich Verkehr in der Hafeneinfahrt, Lotsen, Anfahrt über Richtfeuer und Feuer und Feuer und .... und keine rechte Ahnung, welches Feuer nun der Weisung des Fahrwassers und welches schlicht der Sicherung des Luftverkehrs dient. Tidenhafen mit bemerkenswerten Konstruktionen, ein sauberes Anlegen von Berthold und zu kurze Arme von Karsten, um die Achterleine festzumachen. Ok, Thomas hat es deutlich leichter, weil er viel näher dran ist.
 


Unser Landstützpunkt Frank versorgt uns per Internettelefonie mit den aktuellen Wetterdaten, nachdem wir an diesem Abend "This is the Netherlands Coastguard, Netherlands Coastguard, Netherlands Coastguard...  Dit is de Nederlandse Kustwacht, Nederlandse Kustwacht, Nederlandse Kustwacht... " verpasst haben. Seine Informationen veranlassen uns am 30. März 2010 den Weg zurück ins Markermeer zu suchen. Angesagte Windstärke 6, in Böen 7 wollen wir doch ein wenig geschützter erleben. So geht es durch den Nordseekanal ins Markermeer.


Auf dem Weg noch eben die Zweifarbenlaterne im Bug reparieren. Wir brauchen ein Stück Kabel, etwa 10 cm lang. Ich war erinnert an “Houston, wir haben ein Problem!”.

 


Angekommen im Markermeer bewahrheitet sich die Wettervorhersage. Windstärke 6, in Böen 7 und Böen sind ausreichend vorhanden. Achterlicher, allenfalls Raumschotswind. Ausreichend Gelegenheit, Halsen zu üben. Kurs auf Edam, 52° 31' 04,34 N, 005° 04 ' 23,62 E.

Das ist sein Wetter. Harald in seinem Element und im freundlichen Dialog mit den Elementen.



Was hatte ich noch in den Hinweisen zur Kalliste gelesen: Tiefgang 1,60 m? Was zeigt mir der Tiefenmesser kurz vor Edam da gerade an? Wassertiefe unter Kiel 1,20 m, Tendenz fallend. Es bleibt spannend. Die Hafenanlage von Edam ist - nachdem wir sie gefunden haben - (Originalton Harald: "Fahre mal auf diesen Kirchturm zu, das ist Edam."... Einige Zeit später: "Nimm mal den nächsten Kirchturm, das ist schon eher Edam.") genau das Richtige für uns blutige Anfänger. Hafeneinfahrt nach Süden bei Wind aus Süd. Breite der Hafeneinfahrt etwa eine Schiffslänge. Unmittelbar nach der Hafeneinfahrt im rechten Winkel nach Backbord. Ich bin erinnert an James Bond 007, "Im Angesicht des Todes", darin gelingt es 007 auch in einer Röhre mit ziemlich Fahrt rechtwinklig abzubiegen. Und was der kann, können wir doch schon lange...
 


Die Nächte bleiben kalt. Der Feuchtigkeitsgrad nimmt im Laufe der Reise zu. Die Kajüten mutieren zu Tropfsteinhöhlen, allerdings nur mit Stalaktiten. Ich ziehe des nachts inzwischen unter dem Sweatshirt noch ein T-Shirt an und vergrabe die kalten Hände in Fleecehandschuhen. Gut, dass ich die dicken Socken noch eingepackt habe. Meine Sehnsucht nach einem heißen Bad und gemütlichem Kaminfeuer wächst.

31. März 2010. Sonnenaufgang in Edam. Der Wetterbericht verheißt nichts Gutes. Die Hafeneinfahrt von Edam wird schon beim Hören der Wetterwarnungen schmaler und die Kalliste breiter. Harald steht draußen und zählt - bekommt ein Gefühl für den Rhythmus der Böen. Harald steht draußen und fühlt - die Geschwindigkeit des Windes, den Takt der Böen. Ich bin mehr als beeindruckt und will seine Gelassenheit spüren. Nein, ich will nicht wissen, wie es wirklich in ihm aussieht. Da ich uns gestern hier reingebracht habe und Berthold mehr als zögerlich auf die Frage, wer heute früh ablege, reagiert, will ich auch wieder hier raus kommen. 26 kn Windgeschwindigkeit und in der Hafenausfahrt den Wind gegenan. Wassertiefe eigentlich zu gering für die Kalliste, aber zum Glück sandiger Grund. Die kurze Grundberührung steckt die Kalliste gut weg, wir sind wieder im Markermeer. Harald sei Dank.

 


Schietwetter. Die See wird rauher, der Wind stärker. Berthold fährt auf Raumschotskurs und sieht nicht, was sich hinter ihm zusammenbraut. Thomas zieht sich in aller Ruhe trockene Handschuhe an, schließt die Klettverschlüsse an Ärmeln und Hosenbeinen und meint in einer kaum zu übertreffenden Gelassenheit: "Ich glaub', ich hab jetzt auch mal Bock." Berthold, der seit Balk großen Respekt vor dem Kurs hat, ist mehr als erleichtert, als Thomas das Ruder übernimmt. Kaum hat Thomas hinter dem Steuerstand Platz genommen, nehmen auch die Böen keine Rücksicht mehr. Es hagelt horizontal und der Wind schleift die Wellen geradezu waagerecht. Thomas, dass war eine sehr elegante Art, unsere Nerven zu schonen. Remember love how it was the same - We scratched and hurt each others growing pains - We were looking for the summer.



Enkhuizen ist zu eng, die notwendigen Möglichkeiten für einen zweiten Plan nicht vorhanden, so daß wir nach einigem Hin und Her völlig durchgefroren und durchnäßt in Lelystad in die Schleuse einfahren und gleich danach im Hafen von Lelystad festmachten. 52° 33' 08.91 N, 005° 27' 30,10 E. Die Erschöpfung ist spürbar. Die Stimmung gerät ins Wanken. 38 kn Windgeschwindigkeit bei ca. 6 ° C Außentemperatur sind vielleicht doch zu viel.
 



Aber kaum haben wir die Schleuse verlassen, hat Harald das Wasser für die Kartoffeln schon aufgesetzt und eine kräftigende Mahlzeit, heißer Tee und die Aussicht auf Nachtruhe retten das soziologische Experiment vor dem Scheitern. Die Stimmung hellt sich proportional mit der steigenden Körpertemperatur wieder auf. Alles ist gut.

Der Salon mutiert inzwischen zum Trockenraum, obwohl nichts wirklich trocknet. Nichts von unseren Sachen ist noch richtig trocken. Nichts wird mehr richtig trocken. Alles ist mehr und mehr feucht, klamm und kalt und riecht ein wenig muffig. "Ich stinke, also bin ich." Dass wir sind, haben wir am Vortag gemerkt. Nach jeder überstandenen Böe, nach jeder überstandenen Welle stellt sich ein Gefühl von Glück ein - und doch bleibt die Frage: Warum machen wir das hier eigentlich? Warum tun wir uns das an? Mir fällt ein Alphabet von Adjektiven ein, von A wie abenteuerlich bis Z wie ziemlich bekloppt. S wie schön kommt darin noch nicht vor, eher S wie spannend. Berthold ist sich sicher, Schönwettersegler zu sein. Und wie so oft zuvor bin ich mit ihm einer Meinung. 3-4 Bft auf dem Slotermeer hat doch auch was. Segeln macht demütig
.

 


01. April 2010. Wir laufen aus, Kurs zurück nach Stavoren. Der Geist ist ordentlich durchgeweht. Die Gedanken kreisen nur noch um Existenzielles: Wann stehen wir morgens auf? Wo fahren wir hin? Wo finde ich noch ein Paar trockene Socken? Haben wir noch heißes Teewasser? Der Rest ist egal. Das Leben wird einfach. Und es ist schön.

02. April 2010. Stavoren. Der Tag der Prüfung. Gestern noch das Mann über Bord Manöver bei 6 Bft. geübt. Heute sind es nur noch 5 Bft. Aber die Nervosität von Berthold und mir legt den ein oder anderen Knoten Windgeschwindigkeit noch drauf. Wir beneiden Karsten, der als Gast mitsegelt und sich den Prüfungsstress erspart. Harald scheint ebenso nervös wie wir. Wir werden dich nicht enttäuschen! Oder wie sagte schon "The Hitchhiker's Guide to the Galaxy: Don't Panic!"


 


Der Prüfer vermittelt Gelassenheit und Ruhe. Die Prüfung läuft gut und ein wenig können wir über unsere gestrige Nervosität schon schmunzeln. Nach gelungenen Boje-über-Bord-Manövern bekomme ich von all dem offenbar nicht genug. Ein Teil der Sitzbank verabschiedet sich während der Prüfung aus seiner Halterung und geht über Bord. Okay, nach den Boje-über-Bord-Manövern dann halt noch ein Stuhl-über-Bord-Manöver. "Stuhl an Bord" heißt es nach kurzer Zeit, Kurs Richtung Hafen. Anlegen und gut.

Freude und Erleichterung über die von allen bestandene Prüfung sind groß und werden nur dadurch getrübt, dass eine wunderbare Woche vorüber ist und wir kurz vor der Heimreise stehen.
 

Sechs erleichterte Prüflinge:
 


Zum Abschluss noch een kopje koffie verkeerd in Lemmer.

 

 

Ich freue mich auf Zuhause. Ich freue mich auf Frank, auf mein Bad, auf mein Bett. Selten habe ich so intensiv den Duft frisch gewaschener Wäsche wahrgenommen und genossen. Selten habe ich so intensiv den Klang meines Klavieres erlebt. Noch nie berührte Ludwig van Beethoven so tief meine Seele.


Lieber Karsten, vielen Dank für jede Faser Deiner Muskeln an der Winschkurbel, Deine tatkräftige Unterstützung und Deine angenehme Art. Lieber Berthold, vielen Dank für Deine Rücksicht beim Rauchen in Lee und Deine Leichtigkeit im Umgang mit meinem Stress. Lieber Frank, vielen Dank für die so notwendigen Wetterdaten.


Lieber Harald, lieber Thomas, vielen Dank für diese wunderbare Erfahrung, für Eure unglaubliche Ruhe, für Eure spannenden Geschichten und Erlebnisse, für jede heiße Tasse Tee. Danke für Euren grenzenlosen Einsatz im Sinne des Gelingens des soziologischen Experimentes.
 

And still I stand this very day - With a burning wish to sail away - I'm still looking, looking for the summer ...

 



Autor: Susanne Elsner     Jahr: 2010